Unzufriedenheit im Job: Was Zen-Buddhismus und Psychologie über Jobzufriedenheit sagen
Nicht nur ich habe lange geglaubt: „Wenn ich erst den richtigen, wirklich passenden Job habe, werde ich endlich zufrieden sein.“. Also habe ich viele unterschiedliche Jobs gemacht, regelmäßig die Unternehmen gewechselt und mit meiner Selbständigkeit als Coach beruflich was komplett Neues ausprobiert. Doch oft ist Folgendes passiert:
Der neue Job war anfangs großartig. Der Wechsel hat Erleichterung erzeugt. Der neue Ort, die neuen Kollegen und neue Aufgaben haben Energie gebracht und mich motiviert. Ich war überzeugt „Das ist es jetzt.“. Und nach spätestens sechs Monaten kehrte ein vertrautes Gefühl zurück: Unruhe, das Gefühl von Sinnlosigkeit und Frustration darüber, dass das so nicht das Richtige sein kann. Der Zen-Buddhismus und die moderne Psychologie beschreiben ähnliche Mechanismen hinter dieser Dynamik, die ich dir in diesem Artikel kurz zusammenfasse.
Der rastlose Geist
Im Zen-Buddhismus wird nicht Karriere, Ehrgeiz oder Entwicklung an sich kritisiert, sondern der Grundmodus dahinter, bei dem wir ständig auf das nächste Ziel fokussiert sind, den gegenwärtigen Moment als „noch nicht genug“ erleben und bei dem wir (innere) Zufriedenheit dauerhaft in die Zukunft verschieben. Erkennbar ist das über Wenn-Dann-Gedanken wie „Wenn ich diesen Job/dieses Geld/jene Aufgaben habe, dann bin ich glücklich(er).“.
Aus Zen-Sicht erzeugen diese Gedanken einen Geist, der permanent gegen die Gegenwart arbeitet, indem er zwischen Zukunft, Bewertung, Vergleich, Fantasie und Selbstbild springt. Der Mensch lebt dann psychologisch kaum noch dort, wo er tatsächlich ist, und beraubt sich damit der unmittelbaren Erfahrung im Hier und Jetzt.
Die hedonistische Tretmühle
Diese innere Getriebenheit beschreibt die moderne Psychologie mit dem Konzept der „hedonistischen Adaptation“ – umgangssprachlicher als hedonistische Tretmühle. Darunter versteht man die Tendenz des Menschen, nach einem stark positiven oder negativen Lebensereignis relativ schnell zu einem relativ stabilen Level von Glück (im Sinne des subjektiven Empfindungsglückes) zurückzukehren.
Konkret bedeutet das, dass Menschen sich sehr schnell an die Verbesserungen ihrer Lebensumstände gewöhnen und somit auch Verbesserungen wie mehr Gehalt oder ein besserer Job nach einiger Zeit ihre positive Wirkung verlieren. Diese Anpassungsfähigkeit ermöglicht nach einschneidenden Erlebnissen eine erstaunliche Erholung unseres mentalen Wohlbefindens, führt aber eben auch nach einem Lottogewinn dazu, dass wir nach kurzer Zeit auf unser ursprüngliches Grundlevel an Zufriedenheit zurückkommen. Dauerhafte Zufriedenheit entsteht also nicht allein durch äußere Umstände.
Soll man einfach alles akzeptieren?
Nein. Zen bedeutet nicht, schlechte Jobs hinzunehmen, toxische Bedingungen zu akzeptieren, ambitionslos zu werden oder sich ausbeuten zu lassen. Die moderne Psychologie zeigt auch klar, dass Arbeitsbedingungen wie faire Bezahlung, Sicherheit, Erholung, soziale Unterstützung und Handlungsspielraum entscheidend sind für psychische Gesundheit. Hier hilft bei der Betrachtung die Unterscheidung zwischen äußeren und inneren Einflussfaktoren bzw. die Frage:
„Wie viel meines Leidens entsteht durch äußere Umstände und wie viel durch die Art, wie mein Geist permanent mit der Realität kämpft [neudeutsch: durch mein Mindset]?“
Warum der „perfekte Job“ oft nicht reicht
Erkenntnisse aus der arbeitspsychologischen Forschung (siehe Selbstbestimmungstheorie) zeigen, dass Menschen Arbeit besonders dann als sinnvoll und erfüllend erleben, wenn drei psychologische Grundbedürfnisse erfüllt werden:
- Das Bedürfnis nach Autonomie: Das Gefühl, Handlungsspielraum zu besitzen.
- Das Bedürfnis nach Kompetenz: Das Gefühl, wirksam und fähig zu sein.
- Das Bedürfnis nach Verbundenheit: Das Gefühl sozialer Zugehörigkeit und Bedeutung.
Spannenderweise hat der Buddhismus schon erkannt, dass Menschen weniger unter Arbeit selbst leiden als unter innerem Druck, fehlender Verbundenheit und dem Gefühl, nur noch zu funktionieren.
Burnout und die moderne Arbeitswelt
Deshalb ist Burnout auch nicht nur die Folge von zu hoher Arbeitslast, sondern entsteht häufig (zusätzlich) durch psychologische Faktoren wie fehlender Kontrolle, Sinnverlust, dauerndem Leistungsdruck, emotionaler Erschöpfung oder mangelnder sozialer Einbindung. Auch erzeugen typische innere Überzeugungen wie „Ich darf nicht schwach sein.“ oder das Verknüpfen des eigenen Wertes mit der Leistung einen Zustand chronischer innerer Alarmbereitschaft.
In unserer modernen Arbeitskultur fördern viele Mechanismen zusätzlich die Unruhe, die Zen kritisiert:
- ständige Erreichbarkeit über Telefon, Email oder Apps
- Multitasking, Multi-Projektmanagement, Double Screens
- Vergleich über soziale Medien, permanente Selbstoptimierung und LinkedIn-Inszenierung
- Produktivitätskultur, „Hustle Culture“
Wir werden zunehmend darauf trainiert, uns selbst wie ein Projekt zu betrachten. Als Folge schwindet das Gefühl von „genug“.
Zen und die Frage nach dem Ego in der Arbeit
Für mich ein besonders interessanter Aspekt ist die Zen-Haltung zu scheinbar unwichtigen oder „niederen“ Tätigkeiten. Einerseits, weil ich als Coach im AVGS-Bereich damit konfrontiert bin und andererseits, weil ich auch schon genervt war von Aufgaben, die mich „unterfordert“ haben.
Im Zen werden solche Gedanken oft als Ausdruck von Ego-Identifikation als psychologischer Mechanismus verstanden. Der Mensch baut ein bestimmtes Selbstbild auf und bewertet Tätigkeiten, die eigene Position und Leistung oder die Anerkennung anderer für selbiges danach, ob sie dieses Selbstbild bestätigen. Dadurch können Frustration, Widerstand, Angst, Selbstzweifel oder chronische Unzufriedenheit entstehen, wenn Erwartungen nicht erfüllt werden.
Zen lehrt, das Ego als Konstrukt zu erkennen und sich nicht davon beherrschen zu lassen. Zen-Klöster arbeiten deshalb traditionell bewusst mit einfachen Tätigkeiten wie putzen, kochen, fegen, Geschirr spülen. Nicht zur Demütigung, sondern um authentischer und bewusster zu arbeiten. Hier Zen-Prinzipien für den Arbeitsalltag:
- Achtsamkeit: Vollständig im Moment sein, bei der Aufgabe, die man gerade ausführt, ohne Ablenkung
- „Anfängergeist“: Dinge ohne Vorurteile betrachten, offen für Neues sein und sich nicht auf vergangene Erfolge oder Status verlassen
- Einfachheit & Fokus: Sich auf eine Aufgabe konzentrieren, diese beenden und dann zur nächsten übergehen
- Absichtsloses Handeln: Die Philosophie des mühelosen Handelns, bei der man im Flow arbeitet, ohne erzwungene Anstrengung
In der modernen Psychologie gilt dieser Zustand seit den 1990ern als gut etabliertes Konzept im Kontext von Motivation und Leistungsfähigkeit. Flow ist gekennzeichnet durch einen ablenkungsfreien Fokus auf die Tätigkeit, die wie von selbst ohne ein Gefühl für die Zeit, ohne Angst vorm Scheitern von der Hand geht und den inneren Kritiker verstummen lässt. Bei Kindern kann man das beim Spielen beobachten. Ich erlebe das bei mir, wenn ich irgendwas Kreatives mache oder im Garten vor mich hin werkele.
Was man daraus praktisch mitnehmen kann
Es gibt keine einfache Formel für Glück oder Zufriedenheit. Zumal deren dauerhafte Existenz sowieso fragwürdig ist. Warum nur eine Emotion haben, wenn es einen ganzen Blumenstrauß davon gibt, richtig? 😊
Für die Zufriedenheit im Job kann man aber erstmal bei folgenden Punkten ansetzen:
- Dauerhafte Zufriedenheit entsteht selten nur durch äußeren Erfolg. Reflektiere auch deine innere Einstellung. Was brauchst du für Zufriedenheit im Job?
- Menschen gewöhnen sich schneller an Verbesserungen als erwartet. Mache Fortschritte sichtbar und praktiziere Dankbarkeit, wo diese angebracht ist – auch dir selbst gegenüber.
- Sinnvolle Arbeit hängt stark mit Autonomie, Kompetenz und Verbundenheit zusammen. Was fehlt dir? Was kannst du gerade aktiv verbessern?
- Burnout ist oft auch ein Problem innerer Beziehung zur Arbeit. Hier lohnt sich ein Blick auf die eigenen Glaubenssätze und wie Arbeit in der Familie/im Umfeld gehandhabt wird.
- Permanente Selbstoptimierung kann psychisch erschöpfend wirken. Perfektionismus und der Anspruch an sich auch. Lebst du hier schon eine entspannte 80/20-Regel?
- Präsenz und bewusste Aufmerksamkeit reduzieren mentale Zersplitterung. Wie achtsam arbeitest du? Erlebst du Flow-Zustände? Wann und was brauchst du dafür?
- …
Für mich hängt meine Zufriedenheit bei der Arbeit auch an ausreichend Pausen und bewusster Freizeit ohne Gedanken an Arbeit. Du kannst diese Liste vielleicht auch noch weiter fortführen oder bei allen genannten Punkten in die Tiefe gehen. Nimm dir dazu einfach die Fragen aus diesem Text und beantworte sie dir. Oder beobachte dich ein paar Tage während der Arbeit.
Ich werde mich jedenfalls noch mal genauer mit den Themen beschäftigen und mehr Achtsamkeit in meinem (Arbeits-)Alltag etablieren.
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